Pollux
Pollux - Eine kleine Geschichte eines Pferdes
Hallo! Schaut mal her! Der kleine Mann hinter der hübschen Dame hier, das bin ich.
Man nennt mich Pollux. Ich wurde am 2. Juni 1992 nachts auf dem Hof Holte in einer Box geboren. Mann, war das eine Aufregung! Es war alles so verworren, denn kaum lag ich im trockenen Stroh, da kümmerte sich meine Mutter nicht um mich. Sie leckte und stupste etwas vierbeiniges, weißes mit Hörnern. Ich wusste nicht, was los war, merkte nur, dass mir kalt war. Doch da hörte ich etwas. Es war eine Stimme, die ich schon vorher oft gehört hatte. Sie war mir sehr vertraut! "Du meine Güte", sagte sie, "das Fohlen ist da! Jetzt doch so schnell! Das kann doch gar nicht sein!? Markus, komm schnell, Tosca leckt statt Fohlen die Ziege ab!" "Ob wir Heidi besser da raus holen?" meinte eine dunkle Stimme. "Hm", hörte ich, "wir probieren es!" Die beiden Gestalten, eine kleine, dickliche und eine größere, stämmige machten die Tür auf und kamen zu uns herein. Es war schon komisch! Sie standen auf zwei Beinen und hatten zwei dünnere oberhalb am Körper. Heute weiß ich, dass diese Kreaturen Menschen heißen und sich um uns Tiere kümmern. Damals jedoch wäre ich am liebsten aufgesprungen und mich hinter meiner Mutter versteckt. Zu dem Zeitpunkt jedoch war das unmöglich, denn ich war ja gerade mal 10 Minuten alt. Sie nahmen also Heidi und führten sie hinaus. Das war so falsch, wie es falscher nicht hätte sein können! Meine Mutter regte sich furchtbar auf, ja, sie wurde regelrecht hysterisch. Sie rannte hin und her und drehte sich so heftig, dass ich Angst bekam. Die beiden Menschen wohl auch! "Bring sie schnell wieder!" hörte ich die helle Stimme rufen. "Sie tritt das Fohlen noch tot!" Als Heidi wieder bei uns stand, war Mutter wieder ruhig und sanft. Nun kamen die Menschen zu mir, versuchten, mich auf die Beine zu stellen und brachten mich zu meiner Mutter. Das war gut! Jetzt nahm sie mich überhaupt erst mal wahr! Nun war alles gut. Bis zum nächsten Morgen. Das nennt man wohl so, wenn es nicht mehr so dunkel ist und dann immer heller wird. Dann jedenfalls kamen die Menschen wieder, und ich hörte, wie über mich gesprochen wurde. "Oh nein! Schau mal! Er steht auf den Fesseln und nicht auf den Hufen!" Was auch immer das bedeuten sollte, irgendetwas stimmte wohl nicht mit mir. "Der Tierarzt kommt ja gleich zum Impfen, der kann bestimmt was dazu sagen. Hauptsache, sie lässt ihn trinken!" Dann wurde es nach einiger Zeit richtig hell, und nun kam noch ein Zweibeiner, der Tierarzt hieß. Ich hörte wie er sagte: "Macht euch keine Sorgen, er steht ganz normal. Diese Fesselstellung vergeht in ein paar Tagen. Netter Kerl!" Plötzlich stach mich etwas und dann war es auch schon wieder vorbei und der Tierarzt war weg. "Na Gott sei Dank! So ist das eben bei dem ersten Fohlen auf dem eigenen Hof!" meinte die kleinere Gestalt mit der hellen Stimme. Mir ging es gut. Meine Mutter umsorgte mich, ich konnte trinken und schlafen wann immer ich wollte, und die Menschen waren nach dem Besuch des Tierarztes sehr ruhig und gelassen. Hier sehr ihr mich einen Tag später, draußen vor der Box. Ich war noch ganz schön klein, nur ungefähr einen Meter hoch!
Eines Tages wurden Mutter, Heidi und ich aus der Box geholt und zu einer großen, grünen Fläche geführt. "Das ist die Weide!" sagte meine Mutter. Dann wurden wir losgelassen und konnten rennen und rennen! Ich wunderte mich nur, dass meine Mutter mich ständig zur Seite drängte!? Dann wusste ich plötzlich warum. Ich bin an etwas vorbeigeschrammt, und es tat weh! Dieses Etwas hieß 'Zaun'. Von nun an machte ich Augen und Ohren besser auf, und bis heute ist mir so etwas auch nicht wieder passiert! Die Tage vergingen. Mir ging es richtig gut. Eines Tages wurden meine Mutter und ich in ein ganz enges Ding gestellt und angebunden, und hinter uns wurde eine Klappe geschlossen. Dann bewegte es sich plötzlich! Ich schwankte hin und her, versuchte ständig, mich auszubalancieren, und ich hörte Geräusche, die ich vorher noch nie wahrgenommen hatte. Es war furchtbar aufregend! Nach einer endlos langen Zeit war es dann vorbei. Die Klappe wurde wieder heruntergelassen und wir durften hinaus. Aber alles war anders hier! Das war doch nicht mein Zuhause! Die Menschen nannten es Fohlenschau. Wir waren fast einen ganzen Tag dort. Irgendwann überfiel mich schreckliche Müdigkeit, und ich wollte nur noch heim auf meine Wiese. Doch was war das? Es wurde plötzlich ganz heiß auf meiner linken Flanke, und es tat furchtbar weh. Ich sprang ein Stück nach vorn, aber schon war es wieder vorbei. Die Menschen nannten es Brand. Nun hatte ich also einen Personalausweis. Die Monate vergingen. Ich wurde größer und selbstständiger. Auf diesem Bild hier bin ich schon fast 1 Jahr alt!
Dann, eines Tages, passierte etwas, was ich nicht verstand, denn meine Menschen waren immer gut zu mir. Ich durfte nur noch ganz selten zu meiner Mutter, und irgendwann dann gar nicht mehr.
Es wurde Frühjahr. Ich wurde geholt und... da stand es wieder, dieses Ding, das sich bewegen konnte! Die Klappe war unten. Mir war klar: Ich sollte dort wieder hinein. Folgsam und ohne zu Zögern ging ich mit meinem Menschen mit. Ja, aber wo war denn bloß Mutter? Ehe ich mich besinnen konnte, fuhren wir los. Es war nicht lang, aber furchtbar stressig. Als ich ausstieg, war mir ganz mulmig. Ich wurde in einen Stall geführt, in dem ein junger Ponyhengst wartete. Ja, tatsächlich wartete er auf mich! Er war freundlich zu mir und wir wurden dicke Freunde. Ein paar Tage später wurden wurde auf eine Weide gebracht, und hier blieben Isi und ich bis zum Spätherbst. Wir nutzten diese herrliche Zeit zum Spielen und zum Rennen. Was die Kühe nebenan wohl von uns Halbstarken gedacht haben mögen? Meine Menschen schauten zwischendurch immer mal nach mir. Mein Fell war damals noch sehr hell. Als das Wetter im Herbst dann schlechter wurde und wir nicht mehr genug Futter hatten, holten meine Menschen uns beide heim. Isi und ich teilten uns den Winter über eine großzügige Box. Das ging ganz gut. Mit den netten Stuten nebenan durften wir aber nicht spielen! Ich verstand zwar nicht warum, aber mit der Zeit haben wir uns damit abgefunden.
Das folgende Frühjahr bis zum Herbst durften Isi und ich noch einmal auf eine Weide, nur für uns. Als wir dann wieder abgeholt wurden, fuhren wir wieder heim. Eines Tages kam der Tierarzt wieder und wieder stach er mir in den Hals. Und dann...?? Als ich wieder zu mir kam, war mir furchtbar schwindelig. Zwischen meinen Hinterbeinen tat es höllisch weh. Isi ging es genauso wie mir. Ich weiß bis heute nicht, was damals geschehen ist. Die Wochen vergingen, und der Schmerz war vergessen. Isi wurde eines Tages abgeholt, und ich habe ihn nie wieder gesehen.
Mittlerweile war ich 3 Jahre alt, und mein Mensch, der übrigens Andrea heißt, verordnete regelmäßige Bewegung für mich. Täglich wurde ich longiert. Ich begriff sehr schnell, was von mir verlangt wurde. Ja, es machte mir richtig Spaß im Kreis zu laufen. Irgendwann bekam ich dann so ein Metall ins Maul. Ich kaute und kaute, doch es fiel nicht heraus. Nach ein paar Tagen hatte ich mich daran gewöhnt.
Dann wurde mir etwas auf den Rücken gelegt, und ein Gurt wurde um meinen Bauch geführt und festgeschnallt. So komisch sich das auch anfühlte, ich blieb ganz ruhig. Ein paar Tage später wollte Andrea dann, dass ich sie trage. Naja, dachte ich, ließ es mir aber gefallen. Hier auf dem Foto seht ihr uns bei unseren ersten Versuchen.
Seit diesem Tag war das die Regel. Es machte sogar Spaß, zu zweit in den Wald zu gehen und sich mal richtig zu bewegen! Andrea und ich waren nicht immer einer Meinung, aber nach kurzen Diskussionen einigten wir uns eigentlich immer. Meine Mutter wurde von einem lieben Menschen nach Bonn mitgenommen, und Heidi war gestorben. Der Abschied von beiden war nicht ganz so schwer, da ich mittlerweile viele Artgenossen um mich herum hatte, mit denen ich spielen und schmusen konnte. Außerdem kümmerten sich eine Zeitlang auch Anji und Sandra um mich, da Andrea nicht immer Zeit hatte. Hier seht ihr Sandra und mich auf unserem ersten Freizeitreitertreffen. Wir bekamen alles Mögliche an Aufgaben gestellt, die wir zusammen erfüllen mussten. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht!
Dann, eines Tages, wir waren auf dem Reitplatz, war er plötzlich da. Ich kannte ihn überhaupt nicht. Er hieß Axel. Es war ein Zweibeiner, etwas rundlich, mit Jeans, Cowboystiefeln, Cap und Flanellhemd bekleidet. Er machte einen sehr ruhigen und sympathischen Eindruck. Axel erzählte viel, gab uns Anweisungen, die wir versuchten auszuführen. Er kam seinerzeit recht häufig. Ich mochte ihn gern, denn ständig lernte ich etwas neues und war furchtbar stolz, wenn es dann klappte. Dann kam schon der Winter. Andrea und ich gingen regelmäßig in eine Halle, damit Axel mit mir trainieren konnte, weil Andrea durch ihren Nachwuchs Michel und Ida dazu zu wenig Zeit hatte.Heute bin ich um einiges älter und ein stattlicher Herr.
Mittlerweile sind schon viel Jahre vergangen. Sandra und Anji kommen schon lange nicht mehr. Andrea bekam noch einmal Nachwuchs, den Niklas. Und so ist es bis heute geblieben. Axel sehe ich heute auch nur noch selten, immer nur dann, wenn er uns mal besuchen kommt, oder Andrea und ich losfahren, um mit anderen Reitern und Pferden Rinder zu cutten. Das macht superviel Spaß, und ich meine auch, bei uns klappt es schon richtig gut!
Andrea hat weiterhin nicht viel Zeit für mich, da sie inzwischen selbst andere Pferde einreitet, trainiert und Reitunterricht erteilt, wobei auch ich meine Dienste anbiete und Reitschüler durch die Bahn oder durchs Gelände trage. Ich finde das nicht weiter schlimm, denn irgendwie muss man sich ja sein Brot verdienen! Wenn es die Zeit zulässt, gehen Andrea und ich auch mal richtig schöne Runden ins Gelände, oder wir machen sogar ab und zu einen Wanderritt.
Ich bin ein recht zufriedenes Pferd, denn ich habe ständig etwas zu tun. Und, was für mich noch wichtiger ist: Ich habe noch nie mein Zuhause oder meine Menschen verloren. Ich kam immer wieder heim.